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Es muss für beide Seiten passen

In der aufgeregten Diskussion über Arbeitszeitflexibilisierung mahnt AK-Präsident Josef Pesserl Ruhe ein, insbesondere Planbarkeit – für Familie, Freizeit und Erholung. Der 12-Stunden-Tag darf vor allem eines nicht: zur Regel werden. Ein gutes Miteinander zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber funktioniere nur, wenn beide Seiten Vorteile haben, sagt Pesserl.

Text: Daniela Müller, Fotos: Thomas Luef

Herr Pesserl, wir lesen viel über die Generation Y, flexi­bles Arbeiten, über die neue Lust im Coworking. Wie stellt sich die Situation für Sie als Arbeitnehmervertreter dar?

Pesserl: Es gibt sicher Bereiche, wo dies zutrifft, wo sich Menschen ihre Arbeit selbst einteilen können. Nur: Der überwiegende Teil der unselbständig Erwerbstätigen kann sich das nicht aussuchen, weil es vorgegeben ist. Vor diesem Hintergrund muss man auch die Diskussionen um die Gestaltung und Festlegung der Arbeitszeit sehen.

Wie sollte sie geführt werden?

Mit einer Erhöhung der Arbeitszeit sind Zuschläge verbunden, sprich Überstunden. Offensichtlich geht es in der aktuellen Diskussion stark darum, dass man diese Zuschläge beseitigen möchte. Das hat weniger mit Flexibilität als mit Einkommenskürzung zu tun. Der entscheidende Punkt ist: Eine Überschreitung der Arbeitszeit sollte nur in Ausnahmefällen passieren. Der 12-Stunden-Tag soll nicht zur Regel werden. Wir als Arbeitnehmervertreter sind gefordert, den zweiten Teil einzubringen: Was brauchen die Menschen? Bei der aktuellen Diskussion sehe ich keinen Vorteil für die Arbeitnehmer.

Die Gruppe der Arbeitnehmer ist sehr heterogen mit vielen verschiedenen Bedürfnissen. Ein älterer Arbeiter hat andere Ansprüche als eine erwerbstätige Mutter mit kleinen Kinder. Was ist der gemeinsame Nenner in puncto Arbeitnehmervertretung?

Wir müssen die Arbeitszeit und deren Gestaltung so vornehmen, dass beide Seiten einen Vorteil daraus haben und dass Freizeit und Erholungszeit planbar bleiben. Darüber hinaus hat das Arbeitszeitengesetz auch eine Schutzfunktion. Der Mensch kann nicht ununterbrochen arbeiten, es gibt eine Grenze, wo die Leistungsfähigkeit zurückgeht, wo Fehlerquote und Verletzungsgefahr steigen sowie das Risiko, krank zu werden. Das kann auch nicht im Sinne der Unternehmer sein.

Was wäre für Sie eine gerechte Situation?

Wir müssen uns zurückbesinnen, wem die Wirtschaft dienen soll – den Menschen, so denke ich, nämlich allen. Die Arbeit muss so organisiert und gestaltet werden, dass die Wirtschaft diesem Anspruch auch gerecht wird. Dazu passt nicht die Vorstellung, dass Menschen dann arbeiten sollen, wenn Arbeit da ist, und daheimbleiben, wenn keine da ist.

In vielen Umfragen wird deutlich, dass für Arbeit­nehmer nicht mehr nur Geld, sondern Freizeit oder Gesundheit wichtiger werden.

Gerade deshalb ist wichtig, die Bedürfnisse der Mitarbeiter mitzudiskutieren: Je unregelmäßiger die Arbeitszeiten sind, desto schwieriger wird es für Menschen, ihr Familienleben, ihre Freizeit oder Erholung zu planen oder sich im Freundeskreis zu bewegen.

Wie würde ein optimales Arbeitsverhältnis für Sie aussehen?

Das wäre der optimale Ablauf: 8 Stunden Arbeiten, 8 Stunden Freizeit, 8 Stunden Schlaf. Unsere Vor-vor-Vorfahren, die mit dem Einsatz ihres Lebens um diesen Rhythmus gekämpft haben, haben sich schon etwas gedacht dabei. Und was die Belastbarkeit der Menschen betrifft und ihr Bedürfnis, ihr Leben zu planen, hat sich seither nicht wirklich etwas geändert. Wir sollten darauf gemeinsam Rücksicht nehmen.

97 Prozent der Arbeitnehmer sind kollektivvertraglich gebunden. Auf der anderen Seite hört man immer wieder über prekäre Dienst­verhältnisse, unvorteilhafte All-in-Verträge …

Das nimmt leider zu: Teilzeitbeschäftigung, prekäre Dienstverhältnisse, besonders am Bau oder im Dienstleis­tungssektor, wo Beschäftigte oft nur für Stunden an- und abgemeldet werden. Jede zweite Frau arbeitet Teilzeit – weil sie es wünscht, aber auch, weil es in manchen Branchen kaum Vollzeitjobs gibt. Diese Menschen wissen oft nicht, wie sie ihr Leben finanzieren sollen, geschweige denn, dass es sich auf die Gesundheit niederschlägt. Damit wird auch die zukünftige Altersarmut produziert, Pensionisten, die eine Ausgleichszulage beziehen, um finanziell überleben zu können.

Wie ließe sich diese Entwicklung stoppen?

Wir müssen ernsthaft darüber nachdenken, wie wir es schaffen, dass Menschen, die Vollzeit arbeiten wollen, auch die Möglichkeit dazu erhalten. Letztlich ist das auch für die Unternehmen und die Volkswirtschaft von Nachteil, wenn durch prekäre oder geringfügige Dienstverhältnisse die Kaufkraft sinkt und viele Menschen nicht mehr am Konsum teilhaben können.

Wenn Sie auf die letzten Jahrzehnte zurückblicken: Wie hat sich aus Ihrer Sicht der Arbeitsmarkt verändert?

Mit der Öffnung der Märkte haben sich die Bedingungen stark verändert, Produkte werden dort erzeugt, wo sie am billigsten sind und die Produktion die geringsten Kosten verursacht. Das hat mit Löhnen zu tun, mit (Umwelt-)Auflagen und es bedeutet für die Unternehmer höhere Kosten und Wettbewerbsverzerrung gegenüber den Betrieben, die in Regionen tätig sind, in denen es diese Mindeststandards nicht gibt.

Aber die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten.

Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man hebt die Standards in diesen Regionen, um auf Augenhöhe Wettbewerbe führen zu können, oder es gibt Zuschläge auf Produkte, die von dort kommen.

Zölle?

Es braucht einen fairen Wettbewerb und nicht die Abschottung von Märkten. Deshalb sind Rahmenbedingungen – Sozial- oder Umweltstandards – zu erfüllen. Das Gegenteil davon ist Dumping. Produkte aus solchen Ländern könnte man mit einem Fairnesszuschlag belegen, um heimische Betriebe wettbewerbsfähig zu machen.

Welche neuen Arbeitsformen und -gewohnheiten, glauben Sie, wird die Digitalisierung mit sich bringen?

Das ist für mich keine Revolution, sondern eine Evolution. Die Dampfmaschine hat schon einmal die Welt verändert, mit der Digitalisierung wird das auch in Zukunft weitergehen, nur schneller. Es ist auch nicht notwendig, diesen Prozess aufzuhalten, es stellt sich vielmehr die Frage: Wie gehe ich damit um? Wie organisieren wir Abläufe? Wie die Bildung, die in Zukunft ein noch größeres Gewicht bekommen wird? Wir müssen gerade beim Thema Digitalisierung darauf achten, dass es nicht da noch mehr Gewinner und dort noch mehr Verlierer gibt, sondern im Interesse der Menschen und des sozialen Friedens danach trachten, dass alle profitieren.

Eine gleichberechtigte Situation wäre aber illusorisch.

Natürlich wird es auch in Zukunft so sein, dass die einen mehr vom Fortschritt profitieren, die anderen weniger. Wie stark diese Unterschiede sind, wer mehr davon hat, ist eine Frage von Verhandlungen. Es geht um das Gestalten. Alles, was im Bereich Wirtschaft im weitesten Sinne geschieht, ist nichts Gottgewolltes.

Wie ist Ihre Haltung gegenüber Managergehältern? Ärgert es Sie, wenn ein in Ungnade gefallener Firmenboss pro Tag 3.000 Euro Pension erhält?

Diese Frage ist eine zutiefst politische, die man in die Frage der Besteuerung der Einkommen miteinfließen lassen muss. Wenn jemand ein Einkommen von 15 Millionen Euro im Jahr hat, hat das nichts mehr mit Leistung zu tun. Herr Haselsteiner, ein bekanntlich sehr vermögender Manager, sagt nicht von ungefähr, dass ab einer bestimmten Einkommenshöhe eine Besteuerung von 50 Prozent zu gering ist. 

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Ab jetzt steht der "BUSINESS Monat" nun jedes Mal unter einem umfassenden Schwerpunkt-Thema. Im November: "History".

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