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LUST AUF STEIERMARK

Die schönsten Seiten der Steiermark gibt's hier!

Y oder die Kunst der Balance

Nicht genug Fachpersonal, schon gar nicht aus der Region, verwaiste Küchen, fehlende Servicekräfte, ratlose Gäste – besonders im Westen Österreichs wird der Chor der klagenden Hoteliers und Gastronomen immer lauter. Und wie ist es in der Steiermark um die Personalressourcen bestellt? Lokalaugenschein mit Tourismusberaterin Andrea Sajben in Franz und Alfred Pierers Almwellnesshotel auf der Teichalm.

Text: Wolfgang Wildner, Fotos: Thomas Luef, Foto Fischer, Harald Eisenberger

 

Die Tourismustradition der Familie Pierer an diesem Ort reicht bis ins Jahr 1893 zurück, als Maria und Franz Pierer ein bestehendes 20-Betten-Haus übernahmen, das in den folgenden Generationen Zug um Zug ausgebaut wurde. Zuletzt verdichtete sich der Rhythmus der Investitionen beträchtlich. In den letzten 10 Jahren wurden etwa 15 Millionen in Um-, Zu- und Ausbauten gesteckt. Allein die letzte Erweiterung von 2016 schlug mit 2,6 Millionen zu Buche. Damit haben die Brüder Franz und Alfred Pierer, sie sind die vierte Unternehmergeneration, ihr „Almwellness Hotel Pierer“ binnen weniger Jahre in die Top-Liga der 4-Sterne-Wellness- und Seminarhotels katapultiert.
„Die Luft ist dünn dort oben“, erklärt die Tourismusberaterin Andrea Sajben. „Immer kürzere Aufenthalte gehen mit immer höheren Ansprüchen Hand in Hand.“ Mit ihrer Agentur „M.A.S. Marketing-Consulting“ betreut sie Hotels, Restaurants und Tourismusverbände bei Positionierung, Strategie und Marketing. Zu ihren Kunden zählen neben dem Almwellnesshotel Pierer zahlreiche weitere renommierte Betriebe wie das Natur- und Wellnesshotel Höflehner in Haus im Ennstal, das Wellnesshotel Paierl in Bad Waltersdorf, das Romantikhotel im Park in Bad Radkersburg, das Naturparkhotel Bauernhofer auf der Brandlucken, das Wohlfühlhotel Eder in St. Kathrein am Offenegg oder das Gartenhotel Ochensberger in St. Ruprecht/Raab. Allesamt Tophotels, die sich eine markante Positionierung auf dem steirischen Tourismusmarkt erarbeitet haben.

Wertvolle Ressource    

Doch strategische Positionierung, übergeordnete Visionen und entsprechende Infrastruktur allein sind es noch nicht, die zum Erfolg führen. Die Achillesferse der Hotellerie ist das Fachpersonal, das diese Visionen auf den Boden bringt. Und das, rauscht es durch den Meinungswald, sei rar, eine knappe und wertvolle Ressource. Entsprechend qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen und an sich zu binden – eine Herausforderung, der sich auch Alfred und Franz Pierer, selbst gelernte Köche und Kellner, zu stellen haben. So wurde zuletzt nicht nur in die Gästebereiche investiert. Um 800.000 Euro entstand ein Mitarbeiterhaus mit modernen Zimmern und Gemeinschaftsinfrastruktur. „Wenn du etwas zu bieten hast und einen guten Job machst“, versetzt sich Alfred Pierer in die Lage einer topqualifizierten Tourismusfachkraft, „dann schläfst du nicht in irgendeinem Besenkammerl. Wir wollen die besten Mitarbeiter und die sollen auch das Beste bekommen.“
Zwischen 100 und 115 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten je nach Saison in den Pierer-Betrieben, etwa 70 bis 75 davon im Hotel, die übrigen in der Event-Location Latschenhütte und bei den Skiliften. Die meisten sind durchgehend beschäftigt. Einige, erklärt Alfred Pierer, verlassen das Almwellnesshotel Pierer im Winter, um auf Saison zu gehen. Die Leute kämen teils aus der näheren Umgebung, teils aus der übrigen Steiermark und Österreich, immer häufiger aber aus dem europäischen Ausland – sprich: „Osten“. Der Anteil der Österreicherinnen und Österreicher sinke. „Das ist zwar nicht unser Wunsch“, erklärt Alfred Pierer, lasse sich allerdings nicht verhindern. Knapp die Hälfte sei noch im engeren Sinne regionaler Herkunft.

Fokus auf starke Arbeitgebermarke: Mit ihrer Agentur „M.A.S. Marketing-Consulting“ betreut Andrea Sajben zahlreiche renommierte steirische Hotels, Restaurants und Tourismusverbände bei Positionierung, Strategie und Marketing. Für Franz (l.) und Alfred Pierer führt Sajben in der hauseigenen „Pierer Academy“ auch die Schulung der Mitarbeitern durch.

 

Arbeitgebermarke

„Wir haben einen guten Namen“, erklärt Alfred Pierer, „viele bewerben sich, weil sie von sich aus bei uns arbeiten wollen.“ Je stärker die Arbeitgebermarke, desto leichter sei es, Mitarbeiter zu bekommen. „Dennoch ist es eine Herausforderung, geeignetes Personal zu finden. Das beginnt schon bei den Lehrlingen.“ Zurzeit sind es elf, die hier auf der Alm ausgebildet werden. Das Negativimage laste auf der Branche. Dabei, ist der Hotelier überzeugt, biete der Tourismus Chancen wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig: „hundertprozentige Jobgarantie, tolle Möglichkeiten schon in jungen Jahren, eine Ausbildung, mit der einem die Welt offensteht. Unsere Mitarbeiter genießen 3-Sterne-Komfort, essen dasselbe wie die Gäste, können zu bestimmten Zeiten den Wellnessbereich nutzen.“ Bezahlt würde zumeist über Kollektivvertrag, die Arbeitszeiten seien geregelt, wenn auch regelmäßige Wochenendarbeit Teil des Stellenprofils sei. Möglichkeiten zur Teilzeitbeschäftigung würden angeboten. „Wir sind ein gutes Haus mit einem guten Arbeitsklima“, gibt sich Pierer überzeugt. Schlechte Arbeitsbedingungen könne sich in dieser Preisklasse gar niemand leisten. „Früher sind die Leute körperlich sicher mehr gefordert worden“, blickt Pierer zurück. „So wie wir damals gehackelt haben, das tut sich heute niemand mehr an.“ Doch schon bei seinem Vater sei der Fachkräftemangel ein Thema gewesen, nur habe das niemanden interessiert.

Fluktuation aus Tradition

Für die einzelnen Betriebe bekommt die Situation durch die traditionell hohe Branchenfluktuation zusätzliche Brisanz. „In den meisten anderen Branchen“, erklärt Pierer, „trachten Lehrlinge danach, in den Betrieben zu bleiben.“ Im Tourismus hingegen gehöre es zum guten Ton, wegzugehen, um anderswo Erfahrung zu sammeln. Manche kämen später wieder zurück. „Einer unserer Schlüsselmitarbeiter etwa ist zweimal weg und wieder zu uns zurück.“ Auch ein Thema: Viele Frauen verlassen die Tourismusbranche, wenn sie Nachwuchs bekommen. „Wir suchen laufend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“, erklärt Pierer. „Wir inserieren in Fachmedien, sind auf Messen präsent, besuchen Schulen.“ Doch auch die Community ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbreite den guten Ruf des Unternehmens und erweise sich als wertvolle Säule des Recruitings.

Etwa 115 Mitarbeitern beschäftigen Franz (l.) und Alfred Pierer in ihrem Almwellness-Unternehmen inklusive Hotel, Latschenhütte-Eventlokal und Skiliften auf der Teichalm. Laufend werden neue gesucht. „Wir haben einen guten Namen, viele bewerben sich, weil sie von sich aus bei uns arbeiten wollen.“

 

Führungskräfte entscheiden

In die Auswahl, so Alfred und Franz Pierer, würden sie sich selbst nicht einmischen. „Dafür sind unsere Abteilungsleiter zuständig. Wenn du beim Personal irgendwo eine Schwachstelle hast, bekommst du die Rechnung ohnehin sofort vom Gast präsentiert.“ Schulungen seien an der Tagesordnung, Know-how und Verinnerlichung der Unternehmenswerte eine notwendige Voraussetzung, das geschehe nicht zuletzt in der eigenen „Pierer Academy“ – die Seminare werden von Andrea Sajbens Agentur organisiert. Regelmäßig stünden auch Studienreisen zu anderen Betrieben auf dem Programm, um über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Besonders die Südtiroler Mitbewerber haben es den beiden Almwellness-Unternehmern angetan. Doch letzten Endes sei die Motivation entscheidend: Je mehr Freude die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Arbeit hätten, desto größer die Zufriedenheit der Gäste. „Und Gott sei Dank haben wir solche Leute“, streut Pierer seinen Mitarbeitern Rosen: „Leute, die unsere Gäste auf höchstem Niveau bedienen und mit denen wir eine totale Freude haben.“

Gesucht: kompetentes, freundliches und motiviertes Personal. Bei Pierer auf der Teichalm kann derzeit noch knapp die Hälfte des Personalbedarfs aus der engeren Region gedeckt werden.

 

Gleichgewicht gesucht

Ein immer größerer Teil ihrer Aufträge gelte der Entwicklung und Schulung des Personals, erklärt Tourismusberaterin Andrea Sajben – und bringt gleich einen Begriff aufs Tapet: den der „Generation Y“. Die Generation der zwischen 1980 und der Jahrtausendwende Geborenen, auf deren Eigenheiten und Bedürfnisse die Top-Hotellerie ihre Beschäftigungskonzepte auszurichten hätte. „Ein entscheidender Punkt – das wird uns von Tag zu Tag bewusster.“ Dabei sei die Bezahlung nicht das vorrangige Thema. „Die muss nämlich ohnehin passen.“ Als Angehörige der ersten Digital-Natives-Generation seien die Mitglieder der Generation Y international bestens vernetzt und hervorragend über ihre Jobchancen informiert. Sie hätten den permanenten Vergleich, würden ihre Optionen auch immer wieder prüfen. Gut qualifiziert, wüssten sie zudem um ihren Wert.
Ihre Werte jedoch seien andere als die bedingungslose Hingabe an Arbeit und Karriereziele: Sinn etwa oder Work-Life-Balance (ein Begriff, der, wundert sich Sajben, suggeriere, dass Arbeit nicht zum Leben zähle); sich im Team wohlfühlen; die Möglichkeit, sich in Entscheidungsprozesse einzubringen. „Hierarchische Modelle“, so Sajben, „haben ausgedient, gefragt ist Mitbestimmung, allerdings bei klaren und übersichtlichen Strukturen.“ Zwar seien Beschäftigte aus weniger gesättigten Märkten wie den ehemaligen Oststaaten von den Werteinstellungen der ihre Lebensbedingungen sehr bewusst reflektierenden Generation Y noch nicht so stark geprägt, doch letztlich müssten sich Arbeitgeber mit den Bedürfnissen dieser Generation auseinandersetzen. „Unternehmer dürfen nicht von ihren eigenen Einstellungen auf die ihrer Mitarbeiter schließen“, warnt Sajben. „Möglicherweise sind wir mit unserem Streben nach Karriere und Erfolg und unserem Arbeitsethos einfach gar keine Vorbilder mehr, sondern gelten als wenig nachahmenswerte, hyperaktive Workaholics.“ Chefs müssten lernen, in den Kategorien ihrer Mitarbeiter zu denken, sonst würden sie diese mit ihren Ansprüchen unweigerlich überfordern.

Nadelöhr Lehrlinge: Um die besten Nachwuchskräfte herrscht ein G’riss, bei dem Gastronomie und Hotellerie nicht selten den Kürzeren ziehen. Bei Pierer werden zurzeit 11 Lehrlinge ausgebildet.

 

Interne Kommunikation

Tatsächlich würden Re­cruiting, Mitarbeiterbindung und Schulung unter diesen Bedingungen zur ständigen Herausforderung. Auch abseits der Entlohnung müsse viel geboten werden, um eine möglichst starke Identifikation mit dem Unternehmen zu erzeugen. Neue Teammitglieder zu integrieren, Werte zu vermitteln und die verschiedenen ethischen und ethnischen Mitarbeiterkulturen unter einen Hut zu bringen – das erzeuge kontinuierlich Handlungs- und Schulungsbedarf. „In vielen Unternehmen müssten wesentlich mehr Ressourcen für interne Kommunikation freigemacht werden“, mahnt Sajben. „Unternehmer wünschen sich flexible, serviceorientierte, leistungsbereite Mitarbeiter, die sich mit der Marke identifizieren und bereit sind, die Komfortzone zu verlassen. Mitarbeiter wiederum tendieren tendenziell eher dazu, es sich bequem zu gestalten. Und die Loyalität Kollegen gegenüber ist oft ausgeprägter als Arbeitgebern und Gästen gegenüber.“ Es bedürfe einigen Führungs-Know-hows und Fingerspitzengefühls, um in diesem Spannungsfeld die unternehmerische Balance zu halten. Besonders wichtig sei es, sich von Mitarbeitern, die dieses sensible Gleichgewicht ins Wanken brächten, zu trennen.

Das Mitarbeiterhaus um 800.000 Euro: drei Geschoße mit je 190 m2, 9 Doppel-,  Einbett­zimmer mit eigenen Bädern sowie Gemeinschaftsinfrastruktur.

 

Freiraum schaffen

„Erfolgreiche Hoteliers“, resümiert Sajben, „haben einen sehr klaren Blick dafür, dass sie das operative Geschäft delegieren müssen, um sich für übergeordnete strategische Aufgaben freizuspielen.“ Franz und Alfred Pierer seien dafür ein Best-Practice-Beispiel, lobt sie ihre Kunden. „Loslassen und den eigenen Weg souverän mit einer positiven Grundeinstellung gehen zu können ist das Erfolgsrezept Nummer eins. Trends erkennen, schnell entscheiden, delegieren, das Vermögen zur Selbstkritik bewahren, Führungsmitarbeitern den nötigen Freiraum geben, aber klare Strukturen vorgeben, offen sein im Kopf für wesentliche Entscheidungen und Visionen, um Unternehmen und Marke nach innen und außen weiterzuentwickeln.“

 

„Möglicherweise sind wir keine Vorbilder mehr, sondern gelten als wenig nachahmenswerte, hyperaktive Workaholics.“
Andrea Sajben, Tourismusberaterin

 

Almwellness Hotel Pierer

160 Betten, 3.500 m2 Wellness, Latschenhütte, Skilifte, ab Frühjahr Almerlebnispark, 115 MitarbeiterInnen, 87 % Jahresauslastung
www.hotel-pierer.at

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