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Es braucht das Miteinander



Wenn Sozialpartner beisammensitzen, um neue Bedingungen zu verhandeln, sind lange Stunden des Redens und Argumentierens vorprogrammiert. Der Business Monat hat die beiden Interessensvertreter Georg Knill (IV) und Horst Schachner (ÖGB) zu einer Konfrontation gebeten. Es wurde ein erstaunlich launiger Konsens.

Text: Daniela Müller, Fotos: Thomas Luef

 

Herr Knill, haben Sie aus Ihrem Unternehmen ein konkretes Beispiel, warum es mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit braucht?

Knill: Lassen Sie mich vorausschicken: Die Arbeit ist im Wandel, die Sozialpartnerschaft hat sich maßgeblich für ein modernes Arbeitszeitgesetz stark gemacht. Doch die Veränderungen im globalen Markt steigen, da müssen sich die Rahmenbedingungen mit anpassen. Am Beispiel meines Betriebes: Als Produktionsbetrieb haben wir im globalen Zusammenhang mit Schwankungen zu rechnen, es gibt immer Auftragsspitzen. Zudem haben wir keine Serienfertigung, wir müssen noch mehr auf Kundenwünsche eingehen, was eine gewisse Flexibilität erfordert. In der aktuellen Diskussion sind wir jedenfalls nicht glücklich, wenn zum Thema Flexibilität immer wieder Gegenwünsche in die Waagschale geworfen werden – Stichwort Überstunden oder 6. Urlaubswoche. Denn die Arbeitszeitflexibilisierung alleine ist ein kostenneutrales Thema.

Herr Schachner, geht es nicht ohne Gegenforderungen?

Schachner: Kollektivvertragsverhandlungen sind keine Wunschkonzerte. Ich möchte dazusagen, dass in guten Sozialpartnerschaften, wie ich sie mit der steirischen Wirtschaft erlebe, meist Konsens herrscht. Was die Frage betrifft: Wir als Arbeitnehmer verkaufen unsere Arbeitskraft so teuer wie möglich, unter gleichzeitiger Abwägung, was sich ein Unternehmen leisten kann. Und da braucht es auch Gegenforderungen. Was die Ausdehnung der Arbeitszeiten über zehn Stunden betrifft, kann ich sagen, dass Kollektivverträge jetzt schon die Möglichkeit bieten, über Betriebsratsvereinbarung länger zu arbeiten. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass es zielführend ist, über einen 12-Stunden-Tag nachzudenken, bei der hohen Zahl an Arbeitslosen, die wir haben. Vor allem gehört geklärt, wie das mit den Überstunden gehandhabt wird, immerhin sind das 1,5 Mrd. Euro pro Jahr.
Knill: Ich verstehe, dass Sie für Ihre Arbeitnehmer kämpfen. Aber auch wir Unternehmervertreter schauen auf die Gesellschaft. Zum Thema Arbeitszeit: Es gibt eine europäische Richtlinie, die elf Stunden Ruhezeit vorschreibt. Alles andere ist zu definieren. In unserer Betriebsvereinbarung gibt es einen Stundenpool, mit dem wir Spitzen abdecken können. Wenn die geleistet sind, werden Überstunden fällig. Es geht um rechtliche Möglichkeiten und darum, kurzfristig zwölf Stunden arbeiten zu können, ohne Bürokratie und Genehmigung durch das Arbeitsinspektorat.

„Kollektivverhandlungen sind keine Wunsch­konzerte“, konstatiert ÖGB-Chef Horst Schachner. Die steirische Sozialpartnerschaft ziehe dennoch an einem Strang, erklären die beiden Arbeitnehmer­vertreter.

Schachner: Wobei es in der Regel einfach ist, wenn es mit dem Betriebsrat vereinbart wird.
Knill: Es gibt schon so viele Ausnahme- und Sonderregelungen. Wenn es schon viele Möglichkeiten gibt, wünschen wir uns das für die gesamte Wirtschaft als Regelfall und Rahmenrecht.
Schachner: Was nicht sein kann, dass man hergeht und sagt, der Arbeitnehmer wird zum Leibeigenen des Unternehmers.
Knill: Der Begriff „Leibeigener“ ist im 18. Jahrhundert abgeschafft worden. Ich verwehre mich auch im Namen der steirischen Industrieunternehmen dagegen. Und all jene Unternehmen, die nicht verstanden haben, dass es nur mit einem Miteinander von Arbeitnehmer und Arbeitgeber gehen kann, haben ohnehin keine Zukunftsberechtigung. Wenn ich meine Mitarbeiter frage, was ihnen wichtig ist, höre ich immer wieder: ein sicherer Arbeitsplatz. Lösungen müssen auf Unternehmensebene gefunden werden, hier haben wir als Unternehmer gesellschaftliche Verantwortung. Je mehr Menschen in Beschäftigung kommen, umso besser fürs gesamte Land. Wir haben zu viele Arbeitslose.

Kann man den Arbeitnehmer bzw. die Arbeitnehmerin und damit seine/ihre Interessen überhaupt beschreiben?

Schachner: Ich rede viel mit arbeitenden Menschen und stelle immer wieder fest: Jede Branche ist verschieden. In gut bezahlten wie der Industrie hat Freizeit einen höheren Stellenwert bekommen, viele Menschen mit niedrigen Einkommen hätten am liebsten einen zweiten Job, um über die Runden zu kommen. Generell müssen wir darüber nachdenken, wie die Arbeitszeit verteilt wird. Bei der Arbeitszeitverkürzung von 1974 hat man festgelegt: Acht Stunden sollte man schlafen, acht Stunden Arbeiten und acht bleiben für Muße übrig. Das hat sich verändert. Gerade die Freizeit ist heute vollgestopft, obwohl die zur Entlastung dienen sollte. Aber das will niemand hören.
Knill: Burnout entsteht auch durch Freizeitstress. Acht Stunden Regenerationszeit bedeutet für viele körperlichen und mentalen Hochleistungssport. Die Frage Überstunden, also mehr Geld, oder lieber Freizeit beinhaltet eine Bandbreite an Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, um beiden Seiten gerecht zu werden. Jugendstudien zeigen immer wieder, was auf uns zukommen wird. Ich sehe da einen großen Mismatch zwischen den Bestimmungen, Regeln und den Ansprüchen der jungen Menschen.

Ist die gewerkschaftliche Vertretung noch zeitgemäß?

Schachner: Die von Ihnen, Herr Knill, erwähnte Augenhöhe gibt es sicher im Engineering-Bereich, ich glaube aber weniger, dass der Mitarbeiter vom Fließband zum Vorstand geht und dort um mehr Geld vorspricht. Ja, es braucht die Gewerkschaften und ich glaube, dass es wichtig ist, wenn Menschen wissen, warum der ÖGB ihre Interessen vertritt.
Knill: Den meisten steirischen Industriebetrieben ist klar, dass ein Commitment mit den Sozialpartnern wesentlich für den Erfolg ist. Wie sehr jeder Arbeitnehmer über die Intervention des ÖGB glücklich ist, ist eine andere Frage. Wir sollten die Sache aber einmal im globalen Zusammenhang betrachten: Warum haben wir so einen hohen Wohlstand? Weil es ein Miteinander von Unternehmern und Arbeitnehmern gegeben hat, die eine hervorragende Leistung erbracht haben. Das ist ein Verdienst aller.

Geht es bei den ganzen Diskussionen über Arbeitszeitflexibilität wirklich nur um die Stundenanzahl? Oder um ein Neudenken der Arbeit? Etwa wenn der Arbeitstag nicht zu Ende ist, obwohl man zu Hause ist, sondern dort noch Mails abruft und Dinge erledigt?

Schachner: Viele Firmen schalten schon heute ihre Server um 18 Uhr ab, damit Mitarbeiter keine Mails erhalten können. Ich kenne eine Managerin, die jene Mitarbeiter, die am Wochenende Mails schrieben, zurückgepfiffen hat. Menschen machen sich das selbst oft zum Problem. Ob das Smartphone nun Geisel oder Chance ist, sei dahingestellt.
Knill: Die Herausforderung wird sein, Vereinbarkeiten zu finden. Das trifft großteils Frauen mit Kindern. In diesen Bereichen haben wir vielfach nicht die Antworten, die wir bräuchten. Es wird stark in den Bereich der Individualisierung gehen. Und dazu sind die heutigen Rahmenbedingungen sehr starr. Ob das Smartphone nun Geisel oder Chance ist, hängt immer davon ab, wie der Einzelne damit umgeht. Eines zeigt sich schon: Mit der Digitalisierung nimmt der 9-to-5-Job tendenziell ab. Und da tun wir uns alle noch schwer, Rahmenbedingungen zu finden: Arbeitnehmerschutz im Sinne von Selbstschutz, Eigenverantwortung und nicht einengen.
Schachner: Hierzu werden wir noch oft zusammensitzen, die Entwicklung ist ja nicht aufzuhalten. Die Fragen sind: Wie begleiten wir das? Wie erreichen wir, dass die Arbeitslosigkeit generell zurückgeht? Dass Leute Geld verdienen und davon leben können?
Knill: Die zentrale Antwort ist Bildung. Unter den Arbeitslosen sind 41 Prozent, die maximal über einen Pflichtschulabschluss oder weniger verfügen. Die Wirtschaft hat kaum noch Arbeitsplätze für gering Qualifizierte, diese Jobs sind aus Kostengründen weggefallen. Darum müssen wir bei den Jugendlichen ansetzen, etwa bei der dualen Ausbildung. Facharbeiter sind nach wie vor die Mitarbeiter mit einer Garantie für eine sichere Zukunft. Den reinen Pflichtschulabschluss als Risiko für Arbeitslosigkeit dürfen wir nicht mehr zulassen.
Schachner: Da wird es eine Übergangsphase geben müssen, aus einem heute 50-Jährigen mit Pflichtschulabschluss macht man in den meisten Fällen keinen Ingenieur mehr. Für den müssen wir etwas finden, damit er im Netz aufgehoben ist.

Im Gespräch mit BM-Chefredakteurin Daniela Müller

Herr und Frau Österreicher verdienten inflationsbereinigt 2015 weniger als 1998, dafür klaffen die geringen und hohen Gagen immer weiter auseinander.

Knill: Das stimmt so nicht. Die Ungleichheit nimmt laut Gini-Koeffizient ab. Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen Existenzängste haben, Angst vor dem Arbeitsplatzverlust oder Krieg. In Wahrheit aber ist es uns noch nie so gut gegangen wie jetzt. Noch nie waren so viele Menschen im Erwerbsleben.

Diese positive Stimmung lässt sich aber kaum finden, Stichwort: Social Media. Wie könnte man positive Fakten besser transportieren?

Knill: Die Kunst oder Herausforderung ist, Informationen richtig zu ordnen und für sich selbst zu strukturieren. Sich zu fragen: Welche Auswirkungen hat das auf mich?
Schachner: Es ist nun mal so, dass Bad News Good News sind. Nehmen wir die Lohnsteuerreform, bei der ich selbst mitverhandeln durfte. Für die Arbeitnehmer brachte das 5 Mrd. Euro Entlastung. Wer spricht heute darüber? Viele Arbeitnehmer haben nicht einmal gemerkt, dass es ihnen monatlich mehr Geld bringt.
Knill: Erwarten Sie sich keine Dankbarkeit (lacht)! Für die Industrie kann ich sagen: Es ist Aufschwung möglich. Seit 2009 haben wir erstmals wieder eine deutlich positive Aussicht auf die kommenden sechs Monate. Wir erwarten eine gute Auftragslage und Beschäftigungseffekte. 

Sie kommen aus zwei unterschiedlichen Lagern und haben dennoch einen guten Draht zueinander: IV-Präsident Georg Knill und ÖGB-Chef Horst Schachner.

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Ab jetzt steht der "BUSINESS Monat" nun jedes Mal unter einem umfassenden Schwerpunkt-Thema. Im September: "Zukunft".

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