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Das Gold der Städte

Noch fehlen etwa 80 Millionen Euro, um das Konzept der Leobener „UrbanGold GmbH“, aus Elektronikschrott Gold und andere wertvolle Metalle zu gewinnen, tatsächlich zu realisieren. Doch die Zeichen stehen günstig, zeigen sich die innovativen Macher zuversichtlich. Möglicherweise ist es noch heuer so weit.

Text: Wolfgang Wildner, Fotos: Brainsworld, Urban Gold, Shutterstock

Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas hatte Iris Filzwieser 2005 als Spin-off der Montanuniversität Leoben die Mettop GmbH gegründet. Mit der sogenannten Mettop-BRX-Technologie hatten die beiden promovierten Nichteisenmetallurgen ein Verfahren zur Optimierung der Kupferelektrolyse entwickelt. Die entsprechenden Anlagen sind mittlerweile in mehreren kupferproduzierenden Betrieben weltweit im Einsatz. Aktuell wird über mehrere weitere Aufträge verhandelt.

Innovative Kühlung

Doch damit nicht genug: Als weiteres Standbein entwickelte das innovationsgetriebene Ehepaar gemeinsam mit gut einer Handvoll Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das sogenannten ILTEC-Verfahren (ILTEC steht für „Ionic Liquid Cooling Technology“), eine auf dem Einsatz ionischer Flüssigkeiten basierende, revolutionäre Kühltechnologie für metallurgische Schmelzprozesse. Gegenüber der herkömmlichen Wasserkühlung bedeutet dieses Verfahren insofern einen sicherheitstechnischen Quantensprung, als es das Risiko von Knallgasexplosionen mit ihren teils verheerenden Folgen ausschließt. Auch diese Technologie verfügt mittlerweile über prominente Referenzen und kommt zum Beispiel am Standort Bremen des weltweit tätigen Stahlriesen ArcelorMittal, im norwegischen Werk des Zinkerzeugers Nyrstar in Hoyanger sowie bei der voestalpine Stahl in Donawitz zum Einsatz. Für die Mettop seien, so Filzwieser, im laufenden Geschäftsjahr 10 Mio. Euro Umsatz in Reichweite.

Die Nichteisenmetallurgen Iris und Andreas Filzwieser: Das innovationsgetriebene Ehepaar gründete mit der Mettop GmbH und der UrbanGold GmbH bereits zwei Hightech-Start-ups.

 

Edler Schrott

Neben diesem durchaus beeindruckenden Entwicklungsportfolio begannen Iris und Andreas Filzwieser gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter und nunmehrigen UrbanGold-Geschäftsführer und Mitgesellschafter Stefan Konetschnik und dem Metallurgen und Consulter Robert Stibich, ebenfalls an UrbanGold beteiligt, an der „Versilberung“ von Elektronikschrott zu arbeiten. 2014 wurde am Leobener „Zentrum für angewandte Technologie“ (ZAT), an dem das Unternehmerpaar bereits die Mettop GmbH gegründet hatte, die UrbanGold GmbH ins Leben gerufen. Da war der technologische Kern des innovativen Nichteisenmetallrecyclingverfahrens allerdings schon so gut wie fixiert.

„Mit dem herkömmlichen Recyclingparadigma“, beschreibt Stefan Konetschnik die Ausgangssituation, „ist es nicht möglich, 100 Prozent der wertvollen Metalle sortenrein aus dem Elektronikschrott zu recyceln. Jene beträchtlichen Anteile, bei denen eine saubere Trennung technisch und ökonomisch nicht möglich oder effizient ist, werden derzeit deponiert oder verbrannt.“ So würden etwa in Österreich über 50 Prozent des E-Schrotts auf nicht nachvollziehbaren Wegen verwertet, deponiert, verbrannt oder als Gebrauchtware ins Ausland, etwa nach Afrika, verbracht.

Metallurgisches Paradigma

Es hätte spezifisch metallurgischen Know-hows bedurft, um ein neues, revolutionäres Paradigma zu entwickeln. Das in der UrbanGold- bzw. Mettop-Entwicklungsabteilung in mehrjähriger intensiver Arbeit mithilfe aufwendiger Simulations- und Konstruktionsprozesse entwickelte chemisch-thermische Verfahren greift denn auch auf bei Mettop-Projekten gewonnene Erfahrungswerte zurück. „So“, präzisiert Filzwieser, „mussten wir uns bei unseren Berechnungen etwa nicht nur auf theoretische Verteilungskurven verlassen, sondern konnten auf praktische Werte zurückgreifen.“ Auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Forschungskooperationen seien in das Verfahren eingeflossen.

Ausschnitt aus dem 80-Millionen-Projekt einer urbanen „Goldwasch­anlage“ internationalen Nichteisenmetallmärkten

 

Metallbad

Technologischer Kern des Verfahrens ist ein Schmelzofen namens Henri. Rund um diesen Ofen sind hochkomplexe Prozesse angesiedelt, die einerseits dafür sorgen, dass die Anlage mithilfe modernster Abgastechnologie strengsten Umweltauflagen gerecht wird, andererseits die Rückgewinnung der reinen Metalle wie etwa Gold, Silber oder Platin ermöglichen.
Nach der thermischen Verabschiedung der Kunststoffanteile – die dabei entstehende Energie wird dem Prozess wieder nutzbar gemacht – vereinigen sich die Metalle im Ofen zu einem flüssigen Metallbad. Aus diesem entsteht ein Metallpulver, aus dem in zahlreichen weiteren Verfahrensschritten die reinen Metalle gewonnen werden. Während der Ofen selbst mit Seitenlängen von etwa drei Metern das Auslangen findet, erstreckt sich die komplette Anlage über beeindruckende 200 mal 130 Meter. Rund drei Millionen Euro, teils aus Forschungsfondsförderungen, sind bislang in die Entwicklung der urbanen Minentechnologie geflossen. Die Anlage ist durchkonstruiert, abgesehen von Henri, dem Ofen, können alle Verfahrensmodule bereits auf praktische Referenzen in anderen Anwendungen verweisen.

Weltweite Visionen

Mit dem in Düsseldorf ansässigen, weltweit agierenden Anlagen- und Maschinenbaukonzern SMS group (ca. 3 Mrd. Euro Umsatz) haben die Leobener einen potenten Engineering- und Umsetzungspartner an ihrer Seite. An dem in Leoben ansässigen Joint Venture „PolyMet Solutions“ halten die kleine Mettop mit ihren rund 20 Beschäftigten und die riesige SMS group mit ihren gut 14.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jeweils 50 Prozent. An der Mettop GmbH ist seit etwa zwei Jahren auch die „Pierer Industrie AG“ des Industriellen Stefan Pierer (KTM) mit knapp 25 Prozent beteiligt.

Die Vision von UrbanGold, erklärt Iris Filzwieser, sei es von Anfang an gewesen, in jedem größeren Ballungsraum (daher auch der Firmenname UrbanGold) eine Anlage zu errichten, um die wertvollen (Edel-)Metallanteile des Elektronikschrotts vollständig in den Wertschöpfungskreislauf zurückzuführen. So könnten, abgesehen von anderen Metallen, etwa 50 Prozent des hiesigen Gold- und Silberbedarfs aus solchen urbanen Minen gedeckt werden.

„Derzeit werden in Österreich über 50 Prozent des E-Schrotts auf nicht nachvoll­ziehbaren Wegen verwertet, deponiert, verbrannt oder als Gebrauchtware ins Ausland, etwa nach Afrika, verbracht.“


Stefan Konetschnik,
UrbanGold-Geschäftsführer

Rechnet sich

Klar war für die E-Schrott-Veredler auch, dass sich das System von Anfang an rechnen muss und nicht auf umweltpolitischen Goodwill angewiesen sein darf. So beziffern Filzwieser und Konetschnik die Amortisationszeit der Anlage mit sieben Jahren – und zwar unter mitteleuropäischen Verhältnissen. In asiatischen oder lateinamerikanischen Gefilden sei der Break-even noch früher zu erreichen, würde doch der „Rohstoff“ Elektronikschrott dort bedeutend günstiger oder gar bezuschusst verfügbar sein. Die Errichtungskosten für eine schlüsselfertige Anlage lägen bei rund 80 Millionen Euro, wovon fast 40 Prozent auf „begleitende“ Umwelttechnik entfielen. Kein Klacks alles in allem, aber, wie Filzwieser erläutert, bei durchschnittlichen Errichtungskosten von 300 Mio. Euro für ein Kupferwerk bzw. 1 Mrd. für ein Stahlwerk für metallurgisch denkende Menschen auch nicht wirklich schockierend.

Juncker-Plan

2015 schaffte es das Verfahren nach einer Präsentation in Brüssel sogar in den Pool der in den sogenannten Juncker-Plan aufgenommenen förderungswürdigen Investitionsprojekte. Bei einem Eigenfinanzierungsanteil von 30 Prozent würde dieser Mechanismus greifen. Europaweit sieht Konetschnik Potenzial für bis zu zehn solcher Anlagen, weltweit könnten es gut 100 sein. Aktuell laufen bereits Gespräche mit potenziellen Inves-toren. „Ziel ist es“, so Filzwieser, „heuer den Vertrag für eine erste Anlage unter Dach und Fach zu bringen und mit dem Bau zu beginnen.“ Die Errichtung selbst würde etwa zwei Jahre in Anspruch nehmen.

UrbanGold-Geschäftsführer Robert Stibich: langjährige Erfahrung auf den internationalen Nichteisenmetallmärkten.

 

UrbanGold-Geschäftsführer Stefan Konetschnik: „50 Prozent des Goldbedarfs könnten aus E-Schrott gedeckt werden.“

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