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Die Zukunft wird grüner

Der Recycling-Experte Roland Pomberger zeichnet für die Abfallprobleme unserer Gesellschaft kein düsteres Bild: Für die meisten Probleme gebe es Lösungen. Big Data und künstliche Intelligenz werden die Branche möglicherweise sogar grüner machen.

Text: Daniela Müller, Fotos: Thomas Luef

Noch nicht lange steht der Energy Globe im Büro von Roland Pomberger. Bekommen hat ihn der Leiter des Lehrstuhls für Abfallverwertungstechnik und Abfallwirtschaft an der Montanuni Leoben gemeinsam mit dem Unternehmen Saubermacher für ein Recycling-Verfahren für Lithium-Ionen-Batterien.

Wie sehen Sie rein abfalltechnisch die Zukunft: positiv oder negativ?

Roland Pomberger: Wenn man die langfristigen Entwicklungen in der Umwelt betrachtet, wird es nicht schlechter. Im Vergleich zu den 1970er-Jahren liegt die Luftbelastung in Industrieregionen heute bei einem Zwanzigstel und die Mur war damals der dreckigste Fluss Europas. Katastrophismus ist also nicht angesagt. Oft wird ausgeblendet, dass es wirksame Maßnahmen gegen Umweltprobleme gibt – hier rede ich aber nicht vom globalen Problem des ­Klimawandels. Vorausgesetzt, man will und kann es sich leisten. Ich bin mir beispielsweise sicher, dass China in absehbarer Zeit seine Luftprobleme lösen wird.

Was wird beim Recycling künftig wichtig werden?

Europa ist arm an Rohstoffen, die EU hat erkannt, dass man bei kritischen Rohstoffen abhängig von anderen Ländern ist. Das kann durchaus zum politischen Druckmittel werden, das Streben um Unabhängigkeit von diesen Rohstoffen ist zuletzt in den Mittelpunkt gerückt. Eine Methode dabei ist Recycling, also gezielt Rohstoffe aus Produkten rückzugewinnen.

Sind Sie zufrieden mit dem Recycling, das hierzulande praktiziert wird?

Bei Metallen, Glas oder Altpapier sind wir schon fast an der Grenze des Machbaren. Damit beschäftigen wir uns ja schon seit über 30 Jahren. Es gibt aber Rohstoffe, bei denen wir noch keine Recycling-Technologien haben: seltene Erden, Sondermetalle oder verschmutzte Verbund- bzw. Kunststoffe beispielsweise. Ein großes Thema sind Glasfaser und kohlefaserverstärkte Kunststoffe, die immer mehr Probleme machen.

Roland Pomberger studierte Bergwesen mit Wahlfach Deponietechnik an der Montanuniversität Leoben, war in verschiedenen Entsorgungsunternehmen tätig, unter anderem bei Saubermacher, und leitet seit 2011 den Lehrstuhl für Abfallverwertungstechnik & Abfallwirtschaft auf der Montanuniversität Leoben.

 

Derzeit ist eine EU-weite Recyclingverordnung in Ausarbeitung. Wie sieht es in anderen EU-Ländern aus?

Länder wie Deutschland, Österreich, Benelux oder Skandinavien sind hier weit vorne, in Osteuropa oder in südlichen Ländern ist die Infrastruktur des Sammelns nicht so gegeben, das meiste wird sogar noch deponiert. In diesem Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten ist Recycling nicht nur eine Frage der Technologie, sondern auch des politischen Willens und der Finanzierung. Das Recyclingprogramm der EU hat jedenfalls ambitionierte Ziele. Auch wir werden uns anstrengen müssen, diese zu erreichen.

… auch aus Verantwortung für die nachfolgenden Generationen …

Klar. Es ist für moderne und nachhaltige Gesellschaften nicht zu akzeptieren, dass man Produkte in den Umlauf bringt, bei denen sich niemand überlegt, was am Ende des Produkzyklusses damit passiert. Wir haben zwar Sammlungs- und Verwertungssysteme, bei denen die Produzenten verpflichtet sind, eine Lösung anzubieten. Das funktioniert zum Beispiel bei Verpackungen oder Elektroaltgeräten auch ganz gut.

Dennoch ärgert man  sich als Konsument über geschältes Obst in Styropor­verpackungen, das man demnach mitzahlen muss …

Der Konsument kann hier selbst entscheiden, ob er sich darauf einlässt und akzeptiert, wenn zwischen jeder Scheibe Schinken eine Schicht Folie liegt. Das Problem ist, dass teilweise Verpackungen fast unrecycelbar werden, weil sie nicht nur aus einem Kunststoff bestehen, sondern aus mehreren miteinander laminierten Materialien. Abgesehen davon werden diese Folien und Verpackungen immer dünner, was die Sortierung erschwert. Dennoch ist es wichtig, dass am Ende jemand verpflichtet ist, den Konsumenten die richtigen Sammelstellen für das Recycling zu bieten. Nur: Bei langlebigen Produkten wie Möbel oder gar Häuser gibt es so etwas nicht.

Energy Globe für gute Recycling-Ideen.

 

Welche Lösungen gäbe es?

Jeder Produzent sollte die Verantwortung für sein Produkt übernehmen müssen – bis zum Ende des Lebenszyklus. Konkret könnte man überlegen, nicht mehr Produkte, sondern Nutzen zu verkaufen, etwa indem man die Batterie im E-Auto nur vermietet. Solche Lösungen gibt es bei Kopierern schon lange.

Für Recycling benötigt es viel Energie, heißt es oft.

In der Regel sparen wir beim Recycling Energie, weil wir uns die aufwendige Rohstoffgewinnung sparen. Bei der Primärgewinnung von Aluminium aus Bauxit liegt der Energieaufwand bei 360 Gigawattstunden pro Tonne. Aus Alu-Schrott kann Aluminium mit nur zehn ­Gigawattstunden hergestellt werden. Auch beim Papierrecycling ist die Menge der eingesparten Energie signifikant, Recycling spart CO2 und riesige Wassermengen im Vergleich zur Primärproduktion. Ob Recycling sinnvoll ist, beweisen letzten Endes Energiebilanzen. In Summe bedeutet Recycling fast immer Energieeinsparung. Es gibt aber auch Produkte, wo eine Verbrennung energetisch klüger ist.

Wie weit sollte man bei Recycling ideologisch denken?

Recycling bringt nicht nur wirtschaftlichen Nutzen, sondern nützt auch der Umwelt. Technisch können wir sehr viel tun, die Frage ist zudem: Wollen und können wir es uns leisten? Setzt man beim Recycling nur um, was der Markt bezahlt, also was der Rohstoff wert ist? Bei manchen Dingen wird sich so gesehen Recycling nicht auszahlen. Wenn wir einen höheren Umweltnutzen haben wollen, müssen wir uns politisch und sozialökonomisch klar werden, ob wir uns ein hohes Umweltniveau leisten wollen.

Wie hoch ist das Müllaufkommen in Österreich?

Der Siedlungsabfall beträgt etwa das Doppelte von den gemischten Abfällen aus Industrie und Gewerbe. Den größten Bereich machen Bauabfälle aus. Von der gesamten Abfallmenge von knapp 60 Mio. Tonnen pro Jahr liegen sie bei 72 Prozent. Interessant ist, wenn man Gewicht und Volumen betrachtet: Vom Gewicht her liegen Siedlungsabfälle unter zehn Prozent an der gesamten Abfallmenge; vom Volumen her liegt der Anteil bei fast 50 Prozent.

„Jeder Produzent sollte für sein Produkt bis zum Ende des Lebenszyklus verantwortlich sein.“

 

Roland Pomberger, Montanuni Leoben

Welche Probleme sehen Sie beim Baustoffrecycling?

Die Baustoffrecyclingverordnung legt genau fest, wie der „Rückbau“ – also der Abriss – ablaufen muss, etwa wie Schadstoffe zu behandeln sind. Mit den Baustoffen, die aktuell verwendet werden – wie Styropordämmungen oder Verbundstoffe – steht uns in 30 bis 50 Jahren sicher ein Problem ins Haus.

Woran arbeitet man aktuell in der Forschung?

Bei manchen Kunststoffen stößt man beim Recycling an Grenzen, weil sie entweder stark verschmutzt sind oder als Verbundstoffe einfach nicht recycelbar sind. Hier arbeitet man daran, diese Stoffe zu depolymerisieren, in die Grundmoleküle aufzuspalten, Öl und Gas (wieder-)zuerzeugen und zu neuen Kunststoffen zusammenzusetzen. Im Bereich Big Data haben wir das größte Umwelt- und Abfallforschungsprojekt Österreichs gestartet. Unter dem Stichwort „Rewaste 4.0“ sollen gemeinsam mit namhaften Partnern die Abfallbehandlungsanlagen der Zukunft entwickelt werden, indem Maschinen mit dem Abfall kommunizieren und Industrie-4.0-Konzepte auch in der Abfallwirtschaft umgesetzt werden. Das funktioniert z. B. mit sensorgestützter, berührungsloser Erkennung: Die Abfälle werden mit Lichtwellenlänge bestrahlt, ein Sensor nimmt das reflektierte Licht auf, erkennt die chemischen Eigenschaften der Teilchen und sortiert richtig aus. Oder Laserstrahlen, die auf Legierungen geschossen werden, verdampfen das Material an dieser Stelle, dann können die Dämpfe per Spektral­analyse analysiert und in jedem Metallteil die genaue Legierung bestimmt werden. Mit einer neuen Versuchs- und Testanlage werden wir in den nächs­ten Jahren Forschungsschwerpunkte setzen, über die wir aus heutiger Sicht noch nicht im Detail reden können.

 

Lösung für Batterien
In Zusammenarbeit mit dem Entsorgungsbetrieb Saubermacher hat Roland Pomberger mit seinem Team ein Recyclingverfahren für Lithium-Ionen-Batterien für E-Autos entwickelt. Damit können 60 Prozent der Batterie stofflich verwertet werden.

Schwerpunkt Thema

Ab jetzt steht der "BUSINESS Monat" nun jedes Mal unter einem umfassenden Schwerpunkt-Thema. Im September: "Zukunft".

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