Online Ausgabe

Abonnement

Jahresabo
um € 20,00 

 

Schicken Sie eine E-Mail an:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! , ein Fax an 0316/84 12 12-709 oder bestellen Sie telefonisch unter 0316/84 12 12-0.

Sonderprodukt

Sonderprodukt:
LUST AUF STEIERMARK


Die schönsten Seiten der Steiermark gibt's hier!

Wirtschaft gross gedacht


Christian Helmenstein ist Chefökonom der Industriellenvereinigung und leitet mit seinem Institut Economica das neben Wifo und IHS drittgrößte Wirtschaftsforschungsinstitut Österreichs ­­­­­- ganz ohne staatliche Mittel, wie er betont.

Der Chefökonom der IV, Christian Helmenstein, ist bekannt dafür, komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich zu vermitteln. Mit dem Business MONAT sprach er über Missverständnisse bei der Wachstumsberechnung, die Positionierung der steirischen Industrie und warum es für die Betriebe dennoch unverzichtbar ist, sich auf neue Märkte zu wagen.


Text: Daniela Müller, Fotos: Thomas Luef

 


1,4 Prozent Wachstum erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) für heuer in Österreich,1,3 Prozent für nächstes Jahr. Die heimischen Ökonomen rechnen mit 1,7 Prozent (IHS) und 2,0 Prozent (Wifo) Wachstum für 2017. Was sagen diese Zahlen nicht aus?

Helmenstein: Wirtschaftswachstum, ausgedrückt durch BIP-Wachstum, kennzeichnet die Veränderung von Leis­tungsfähigkeit, Wachstum ist demnach der Zuwachs an Output im Zeitverlauf. Wachstum allein stiftet aber noch kein Glück. Dafür ist die soziale Einbettung in Netzwerke verantwortlich, wofür es Ressourcen braucht: Güter und Dienstleistungen etwa, um sich Freizeit und soziale Kontakte leis­ten zu können. Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Leis­tungsfähigkeit und Glück. Das BIP-Wachstum ist so gesehen der wichtigste Indikator, um überhaupt einschätzen zu können, ob die Lebensgestaltungschancen als Ziel wirtschaftspolitischen Handelns zunehmen. Ein fundamentales Missverständnis liegt hingegen vor, wenn die Politik Wirtschaftswachstum als Ziel an sich proklamiert.

Was sind die Quellen des Wachstums?

Drei Säulen: Humankapital, Sachkapital und technologischer Fortschritt. Die Absenz von BIP-Wachstum deutet darauf hin, dass bei diesen drei Säulen etwas nicht stimmt, dass die Bevölkerung zu wenig Bildung aufbaut, dass Unternehmen nicht hinreichend in Anlagen und Ausrüstungen investieren oder menschliche Kreativität und Innovationskraft nicht auf den Boden gebracht werden. Kein oder nur ein geringes BIP-Wachstum über einen längeren Zeitraum hinweg werfen also die Frage auf, warum die Lebensgestaltungschancen nicht zugenommen haben.

Ist der Indikator BIP also noch zeitgemäß?

Ja, singulär ist es die wichtigste Messgröße, um nachzuvollziehen, ob es gelungen ist, die Lebensgestaltungschancen zu mehren. Selbstverständlich ist es ein Konzept, das unvollkommen ist, aber das ändert nichts daran, dass weitaus komplexere Berechnungsansätze als das BIP-Konzept bis dato kaum einen Mehrwert für die Politikgestaltung gebracht haben. Bekanntermaßen werden zum Beispiel Umweltschäden nicht erfasst. Vermögensschäden nach Naturkatastrophen werden auch nicht im BIP abgebildet, während ihre Behebung, die die Wirtschaft belebt, hingegen sehr wohl BIP-erhöhend wirkt. Bei Gesundheitsschäden ist es ähnlich, die Berechnung ist in gewissem Sinne unvollständig und sollte um eine Vermögensrechnung ergänzt werden, um etwa Umweltschäden adäquat zu dokumentieren. Darüber hinaus wird eine sehr wichtige Komponente bei BIP-Berechnungen nicht erfasst: die unbezahlte Arbeit.

Also Hausarbeit, Kinder­betreuung und Pflege – was überwiegend Frauen leisten?

Ja, nicht nur diese. Sondern auch, welche Auswirkungen die Digitalisierung hat. Dazu gehören etwa Tätigkeiten, die heute Kunden übernehmen, aber im analogen Zeitalter von Beschäftigten erbracht wurden. Beim Onlinebanking etwa geht eine Verlagerung von bis dato volkswirtschaftlich erfassten – weil entgeltlichen – Tätigkeiten von einem Unternehmen in den privaten Haushaltssektor vonstatten, wo sie unentgeltlich erledigt und nicht erfasst werden. Auch im C2B-Bereich gibt es tiefgreifende Veränderungen. Hier stellen Konsumenten individuelle Daten von scheinbar geringem Wert bereit. Erst durch Aggregation wird daraus ein enormer Wert, reflektiert etwa durch den Unternehmenswert von Facebook, der bei 420 Mrd. Dollar liegt. Weil wir keine Vermögensrechnung haben, bilden wir diesen Wertzuwachs nicht ab, BIP-erhöhend wären nur Wertschöpfungszuwächse des betreffenden Unternehmens. Schließlich gehen C2C-Transaktionen etwa über Uber oder AirBnB nur insoweit in die Berechnung ein, als sie unternehmensseitig oder steuerlich erfasst sind.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus?

Ich war in den letzten 15 Jahren der Ansicht, dass wir das BIP-Wachstum aufgrund nach unten verzerrter Preisindizes überschätzen, infolge der Digitalisierung wird dieser Effekt inzwischen überkompensiert, sodass wir das tatsächliche Wachstum nun eher unterschätzen.

 

Seit 1911 ist der Paternoster in der Industriellenvereinigung am Wiener Schwarzenbergplatz in Betrieb - bis auf ein paar Wartungsstunden pro Jahr. Business-MONAT-Chefredakteurin Daniela Müller durfte mit dem Chefökonomen „eine Runde“ durch das ehrwürdige Gebäude drehen.


Was sehen Sie als die großen Herausforderungen für die exportorientierte Industrie in Österreich im Allgemeinen bzw. in der Steiermark im Speziellen?

Die Industrie in der Steiermark wird sich darauf konzentrieren wollen, dass wir in einer multipolaren Welt angekommen sind. Eine solche bietet enorme Chancen, um Wachstumsaussetzer wie in Brasilien oder deutliche Rücksetzer wie bei den österreichisch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen auszugleichen. Mit China oder Indien haben wir Wachstumslokomotiven, daneben viele weitere Wachstums-Hotspots wie Südostasien oder Mexiko. In zehn bis 15 Jahren rechne ich auch mit substanziellen Wachstumsbeiträgen von Teilen Afrikas. Mein Plädoyer ist: Nach der kleinen Internationalisierung im osteuropäischen und südosteuropäischen Raum sollten wir uns jetzt auf die große Internationalisierung konzentrieren – also Märkte erschließen, die außerhalb des 3.000-km-Radius liegen, innerhalb dessen heute der Export hauptsächlich stattfindet.

Gibt es eine Begründung für diese räumliche Beschränkung?

Es scheint einen psychologischen Vorbehalt gegen Fernmärkte zu geben. Wir haben strukturelle Nachteile, die meisten Unternehmen sind mittelständisch geprägt; große Unternehmen tun sich auf Fernmärk­ten leichter. Dabei macht es auch als Mittelständler Sinn, auf größere Fernmärkte zu fokussieren. Die erfolgreiche Strategie vieler Unternehmen, im Huckepackverfahren mit deutschen Unternehmen Fernmärkte zu erschließen, um an großen Wachstumsdynamiken partizipieren und höhere Margen erreichen zu können, sollte durch eine eigene Fernmarkterschließungsstrategie ergänzt werden.

Welchen Markt finden Sie derzeit spannend?

Indien, das liegt uns geografisch und sprachlich näher als viele andere Fern­märkte.

Provokant gefragt: Haben sich die heimischen Betriebe in puncto Export zuletzt zu sehr ausgeruht?

Gar nicht, sie haben sich auf den EU-Markt konzentriert. Zudem ist Österreich aktuell überproportional von den eingebrochenen Russland-Geschäften betroffen mit Exporteinbußen von im Durchschnitt über 40 Prozent. Umso wichtiger ist es, den Fokus auf Fernmärkte zu erweitern.

Dem Wirtschaftsstandort Steiermark stellt Christian Helmenstein ein sehr gutes Zeugnis aus.


Wo und wie können Unternehmer dort andocken?

Österreich hat das Glück, mit der AWO der Wirtschaftskammer über eine starke außenwirtschaftliche Repräsentanz zu verfügen, die sich mit diesen Märkten vernetzt. Weiters können sich kleine und mittelständische Unternehmen im Windschatten größerer Unternehmen auf neue Märkte bewegen und mit den großen zusammen gegebenenfalls eigene Produktionsstätten eröffnen. Das wäre keine unmittelbare Belieferung des dortigen Marktes, sondern eine Belieferung der angestammten Kunden unter den Standortbedingungen dieses Landes. In einem nächsten Schritt wäre zu versuchen, die Liefernetzwerke in den betreffenden Ländern auszubauen, um den Markt originär selbst zu bedienen. Auch Joint Ventures können helfen, lokale Usancen schneller in ein Unternehmen zu inkorporieren. Inwieweit dies zu einem Abfluss von Know-how führen könnte, ist jedoch im Einzelfall abzuschätzen und zu kontrollieren.

Die globalen Unwäg­barkeiten sind enorm: Trumps Wirtschaftspolitik, Brexit oder Merkels: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei.“ Was bedeutet das für die Exporttätigkeiten der heimischen Betriebe?

Lassen Sie mich auf einen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich eingehen, der das illustriert: Entwicklungszusammenarbeit kann als Türöffner für zukünftige Märkte gesehen werden. Im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit plant Deutschland in Wertschöpfungsketten, dieser Ansatz fehlt in Österreich weitgehend. Unsere Chancen einer an die Entwicklungszusammenarbeit anschließenden Marktentwicklung werden zu erheblichen Teilen nicht wahrgenommen. Das ist eine Facette, die zeigt, dass wir unsere Stärken in ein kluges wirtschaftspolitisches Design österreichischer Provenienz einbetten sollten.

Was erwarten Sie von Trumps Wirtschaftspolitik?

Sagen wir so: Die transatlantische Beziehungen werden auch nach der Ära Trump noch eng sein.

Gibt es Ihrer Einschätzung nach hierzulande Betriebe mit exportfähigen Produkten, die es aus welchen Gründen auch immer nicht auf Exportmärkte schaffen?

Wir haben die EU mit ihrem großartigen Binnenmarkt mit einheitlichem Rechtsrahmen. Das genießt man im Handel mit den USA nicht; umso wichtiger ist es, Abkommen wie CETA oder TTIP abzuschließen, um für einen gesicherten Rechtsrahmen zu sorgen, damit das Exportpotenzial genutzt werden kann. Man darf nicht vergessen, dass die USA zu den Top-5-Exportadressen Österreichs zählen.Das Paradoxe an der Trump’schen Außenpolitik ist, dass sie zu einer Beschleunigung der wirtschaftlichen Integration im Rest der Welt führt: Nun sucht Deutschland – endlich – den Schulterschluss mit Ländern wie China oder Indien. Und es bedarf grundlegender Verbesserungen im Verhältnis der EU zu Russland. Hier wäre nach den jeweiligen Wahlen eine österreichische Initiative zusammen mit Deutschland und Frankreich angezeigt. Handelsagenden werden in Europa auf EU-Ebene und nicht von nationalen Staaten verhandelt, hier bin ich optimistisch, dass es Fortschritte mit anderen Ländern geben wird, die in diesem Tempo nicht zu erwarten gewesen wären.

Ihre Prognose für die Weltwirtschaft?

Die globale Dynamik wird sich in den kommenden Jahrzehnten allmählich einbremsen, aber einzelne Staaten werden schneller nachziehen. Bis 2030 schätze ich den Anteil von China und Indien am Welt-BIP auf ungefähr 50 Prozent. Damit liegt er dann übrigens so hoch wie schon 1820, was uns in Europa nicht daran hinderte, im darauffolgenden Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung einen enormen Wohlstandszuwachs zu erreichen. Es besteht kein Anlass für Pessimismus: Je mehr neue Basistechnologien irgendwo auf der Welt entwickelt werden, desto besser sind Österreichs Chancen, seine Kernkompetenzen in Nischen zu entwickeln.

Wie sieht es aus mit Investitionen?

Wir hatten eine fünf Jahre währende Investitionskrise in Österreich, die wir auf zwei Fakten zurückführen: die Erosion der Standortattraktivität und, noch gravierender, den Vertrauensverlust in die Verlässlichkeit der Standortbedingungen. Denken Sie etwa an negative steuerliche Überraschungen wie die Veränderung der Gruppenbesteuerung – und das rückwirkend –, die unterjährige Erhöhung des Förderzinses oder die Verschlechterung der steuerrechtlichen Rahmenbedingungen bei Immobilien. Wenn ich investiere, binde ich mich auf Jahre an den Standort. Dadurch entsteht eine sogenannte ausbeutungsoffene Position, die, wenn sie, wie geschehen, tatsächlich ausgebeutet wird, das Vertrauen massiv in Mitleidenschaft zieht. Mittlerweile herrscht in der Bundesregierung mehr Verständnis dafür, dass solche Negativüberraschungen tunlichst zu vermeiden sind. Die Inves­titionen ziehen an, Österreich schließt wieder zum europäischen Durchschnitt auf und das ohne tiefgreifende, aber überfällige Strukturreformen! Um wie viel mehr könnten wir wachsen, wenn diese endlich angegangen würden? Schätzungsweise um einen Dreiviertel-Prozentpunkt mit entsprechend positiven Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt!

„Es ist wichtiger denn je, den Fokus auf Fernmärkte zu erweitern.“, Christian Helmenstein, Chefökonom der IV


Was würde ein Mindestlohn für die Industrie bedeuten?

Der Mindestlohn ist eher ein Thema des Dienstleistungssektors, die Kollektivverträge der Industrie sehen höhere Mindestentlohnungsniveaus vor. Aber auch aus der Perspektive der Industrie haben Mindestlöhne insoweit Rückwirkungen, als etwa zugekaufte Leistungsstunden beispielsweise im Reinigungsgewerbe verteuert werden.

Sehen Sie neue Ansätze bei Forschung und Entwicklung in der Steiermark?

Gerade die Steiermark war und ist sehr erfolgreich, Clusterstrukturen zu entwickeln. Mit der Digitalisierung werden wir mehr virtuelle Forschungsstrukturen bekommen, Forschung kann dann leichter vernetzt werden. Hier muss der Schritt gelingen von immobilien- und hardwarebezogenen Innovationsstrategien auf eine im Wesentlichen digital basierte Strategie, wie sie temporäre oder virtuelle Labs bieten. Zudem ist ein professionelles IPR-Management (Intellecutual Property Management) zu implementieren.

Wollen Sie das bitte ausführen?

Gemessen an seiner Bevölkerungsgröße gehört Österreich zu den innovativsten Ländern weltweit. Doch wir weisen einen negativen Patentsaldo auf: Patente, die im Inland entwickelt wurden, werden zum Teil im Ausland angemeldet und umgekehrt. Aber die Auslandsanmeldungen von heimischen Innovationsleistungen überwiegen die Inlandsanmeldungen ausländischer Leistungen. Hier gilt es, die hervorragende technologische Basis der Unternehmen ebenso wie die vom Steuerzahler aufgebrachten Fördergelder zu schützen.

Schlussfrage: Ihr Resümee für die Steiermark?

Die Steiermark profitiert überproportional vom Anziehen der konjunkturellen Dynamik mit den höchsten Zuwächsen bei der Beschäftigung in den ersten Monaten dieses Jahres. Um Absatzpotenziale jenseits des 3.000-km-Radius zu generieren, ist auch die Politik gefordert, etwa regulatorische Sicherheit zu geben und Inves­titionsrisiken abzufedern. Um ihre positive Entwicklung abzusichern, sollte die Steiermark Augenmerk auf eine multipolare Regionalentwicklung sowie die Forcierung der technischen Ausbildung legen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist viel leichter möglich, wenn qualifizierte Jobs, häufig mit technischer Ausrichtung, in der Region verfügbar sind. Davon würden insbesondere gut ausgebildete Frauen profitieren – hier liegt derzeit eines der größten noch erschließbaren Erwerbspersonenpotenziale.

Der Chefökonom der IV hat stets das große Ganze im Blick.

Schwerpunkt Thema

Ab jetzt steht der "BUSINESS Monat" nun jedes Mal unter einem umfassenden Schwerpunkt-Thema. Im September: "Zukunft".

Partner

Ihr Partner für Webmarketing und -entwicklung, Netzwerklösungen, IT Security: