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Stahlkraft Reloaded

Eine Metallregion positioniert sich neu: Wie eine wirtschaftlich stabile Lage Kapfenberg verändert, was es mit der Tüftlermentalität auf sich hat und mit welchen Herausforderungen der High-Tech-Standort kämpft.

 Text: Elke Jauk-Offner, Fotos: Marija Kanizaj

Eine Stadt kann es sich heutzutage nicht mehr leisten, die eigene Bevölkerung außen vor zu lassen, wenn es um Veränderungen geht. Man muss Beteiligungsprozesse ermöglichen und den Ort gemeinsam mit den Menschen entwickeln, weil diese ihre Stadt am besten kennen und benützen“, sagt Architekt und Kulturanthropologe Manfred Omahna. Dieses „endogene Entwerfen“ hat er in einem Studienprojekt zum Thema gemacht, um Wege einer Ortskernbelebung von Kapfenberg aufzuzeigen. Das in der Stadtdurchfahrt positionierte Einkaufs-Centrum Europaplatz als starker Magnet hatte Potenzial von der Altstadt abgezogen, die Folge waren Leerstände und eine Verwaisung im historischen Kern. 

Studierende der Architektur und Kulturanthropologie entwarfen auf der Basis qualitativer Methoden Strategien zur Wiederbelebung des Stadtteils. Ideen reichten von Pop-up-Geschäften über eine Betonung der Blickachse zur Burg Oberkapfenberg bis hin zur Gestaltung von Häuserfassaden der Einfahrtsstraße mit dem identitätsstiftenden Material Edelstahl, „das waren Impulse für mögliche Denkrichtungen“. Die Revitalisierung der Altstadt hat die Bespielung von Erdgeschoßflächen rund um den Hauptplatz wieder attraktiver gemacht. „Hier sind auch Dienstleister eingezogen, das ist nicht unbedingt eine klassische Lösung, aber wesentlich ist, dass Bewegung stattfindet.“ Omahna wird den Stadtentwicklungsprozess auch bei einem neuen Projekt im Rahmen der Wohnbauoffensive im engen Austausch mit den Bewohnern begleiten.

Weltruf und Krise

„Simmering gegen Kapfenberg, das nenn i Brutalität.“ Der stählernen Seele der drittgrößten steirischen Stadt hat der legendäre Helmut Qualtinger einst auf dem Fußballplatz zu einem geflügelten Wort für die Ewigkeit verholfen. So nachhaltig sah es lange Zeit auch mit dem Weltruf als Stahlstadt aus, der seit der Übernahme der Stahlwerke durch die Gebrüder Böhler im Jahr 1894 begründet worden war. Die wirtschaftliche Hochkonjunktur und eine gute Auftragslage kennzeichnete die Entwicklung von Kapfenberg in der Nachkriegszeit. Die Bevölkerung wuchs bis in die 1970er-Jahre auf über 26.000 Personen an. Ölschock und Stahlkrise führten zu einem Einbruch dieser Entwicklung. 

Arbeitsplätze schwanden, die Einwohnerzahlen sanken. Jetzt schreitet der demografische Wandel voran. Die Bevölkerungsprognosen für die obersteirischen Regionen sind heute alles andere als rosig. Für den Bezirk Bruck-Mürzzuschlag ist für den Zeitraum 2015 bis 2050 laut Landesstatistik Steiermark ein Einwohnerrückgang von rund 16.000 Personen diagnostiziert. Das entspricht einem Minus von knapp 16 Prozent. 

Allerdings hat Kapfenberg ein gewichtiges Argument im Kampf gegen den Bevölkerungsschwund: 14.000 Arbeitsplätze. Der erste Industriepark der Steiermark ab 1988, das Technologiezentrum und der High-Tech-Park gaben Unternehmen sukzessive Raum. Schon bald sollen es 15.000 Arbeitsplätze sein, gibt Bürgermeister Fritz Kratzer als Marschrichtung vor und denkt vor allem auch an die junge Generation. „Unsere Jugend soll in Kapfenberg bleiben, es gilt, die Abwanderung zu verhindern.“ 

 

Wohnbauoffensive

Die Schaffung von 500 Wohnungen soll zudem einen Teil der 7.300 Einpendler und 2.000 Bildungseinpendler, die Tag für Tag nach Kapfenberg kommen, dauerhaft an die Stadt binden. Um junge Menschen anzusprechen und verstärkt Fach- und Führungskräfte zu gewinnen, wird das Image der Region aufpoliert. „Das ist ein längerer Prozess. Schließlich hat sich das nicht so positive Bild über Jahrzehnte aufgebaut. Diese Neupositionierung braucht Zeit und es bedarf einer Kraftanstrengung, dass hier die gesamte Region zusammenhält“, sagt Jochen Werderitsch, Geschäftsführer des Regionalmanagements Obersteiermark Ost. 

Kapfenberg als Heimat von zwölf Weltmarktführern, die Arbeitsmöglichkeiten und Lebensqualität gelte es verstärkt und gezielt nach außen zu tragen. „Aus heutiger Sicht wäre es eine gute Option gewesen, die Fachhochschule in der Altstadt anzusiedeln, die Zeichen standen damals jedoch anders“, gibt Werderitsch zu bedenken. Und: „Trotz einer ausgeprägten Tüftlermentalität gibt es wenige Neugründungen, hier müssen wir einen Boden schaffen, das kann auch für die Innenstadt ein Pflänzchen sein.“ 

„Die dynamische Entwicklung eines Wirtschaftsstandortes braucht vor allem auch eine dynamische Entwicklung bei Unternehmensgründungen. Wir haben ein Kompetenzzentrum ins Leben gerufen, das sich dem Aufbau einer Start-up-Community verschrieben hat“, sagt Oliver Freund, Geschäftsführer des interkommunalen Verbandes Area M Styria. 

„Kapfenberger sind industrie­freundlich, sie wissen um die Lebensader der Region.“ 

Jochen Werderitsch
GF Regionalmanagement Obersteiermark Ost

 

Kein Plan B

Die nach langem Ringen getätigte Zusage der Voestalpine für den Bau des neuen Stahlwerks mit Investitionen von bis zu 350 Millionen Euro hat freilich für innerstädtische Euphorie gesorgt. „In Kapfenberg geht es um Wohlstand oder Nichtwohlstand“, hatte der Bürgermeister im Vorfeld die Bedeutung der Entscheidung skizziert. Einen Plan B hatte er nach eigenem Bekunden nicht.

„Das gesamte Böhlerwerk wird über Generationen hinweg gesichert sein. Und nicht nur das: Alle Tochterunternehmen und indirekt betroffenen Firmen, sprich Zulieferer, sehen sich im Standort Kapfenberg bestärkt“, so Kratzer. Werderitsch verweist auf die Offenheit der Bewohner gegenüber der Industrie und entsprechenden Investitionen: „Sie wissen, dass es die Lebensader der Region ist.“

Was braucht es aber, um High Potentials in die Region zu holen und zu halten? „Wir haben hier zwei Stoßrichtungen“, sagt der Regionalmanager, „das Zuzugsmanagement, mit dem wir unsere Angebote auf allen Kommunikationskanälen darstellen wollen – Jobmöglichkeiten auch für den Partner oder die Partnerin, Wohnraum, die gute Verkehrsanbindung, Betreuungs- und Bildungseinrichtungen, Freizeitmöglichkeiten.“ „Kapfenberg ist im Bildungsbereich top-aufgestellt“, spricht Kratzer unter anderem die Fachhochschule mit dem neuen „Smart Production Lab“ an, „wir bilden schon jetzt High Potentials für Betriebe aus.“ Digitalisierung wird auch in den Ausbildungsschienen der Unternehmen mitgedacht. „Es gilt, die Menschen zu überzeugen, dass die sogenannte vierte industrielle Revolution nicht zulasten der Arbeitnehmer gehen wird. Alle werden profitieren, wenn wir die Ersten sind und so die Wertschöpfungskette in Österreich halten“, so der Bürgermeister.

Hier treffen sich Vergangenheit und Zukunft: Die jahrhundertelange Metallerzeugung und -bearbeitung hat tiefe Spuren hinterlassen. Das macht sich auch beim Blick von der hoch über der Stadt thronenden Burg Oberkapfenberg auf die Werksgebäude und Arbeitersiedlungen bemerkbar.

 

Kapfenberg: lange Tradition als Arbeiterstadt, Profilierung als High-Tech-Standort, Politur in Sachen Image.


Familientradition

Schon aus familiärer Tradition haben viele Menschen hier auch heute noch einen direkten Bezug zu metallorientierten Berufen und gehen Generation für Generation den Berufsweg als Fachkraft. „Das ist nach wie vor sehr verbreitet, es gibt den Typus des Böhlerianers“, bestätigt Werderitsch, dessen Vater und Großväter als Dreher und Fräser im Stahlwerk gearbeitet haben. Er hat mit dieser Tradition gebrochen, ist der Region aber treu geblieben. „Böhler hat sich – heute würde man sagen als ,attraktiver Arbeitgeber“ – schon vor 100 Jahren einen Namen gemacht, gute Löhne bezahlt, ein Werkskrankenhaus gebaut und soziale Einrichtungen geschaffen“, blickt er in die Geschichte.

„In der Stadtentwicklung ist die Beteiligung der Bewohner ganz wesentlich.“ 

Manfred Omahna
Architekt und Kulturanthropologe

 

Wettbewerb

Um sich im immer stärker werdenden Wettbewerb der Regionen mit massiv veränderten Investoren-Ansprüchen und verschärfter Konkurrenz in Europa besser zu präsentieren, hat Kapfenberg mit Leoben 2003 die Area M Styria aus der Taufe gehoben, um die Internationalisierung der Region voranzutreiben. 

„Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für innovations-fokussierte Unternehmen ist der direkte Zugang zu Partnern aus Forschung und Entwicklung“, sagt Freund, „wir zeigen anzusiedelnden Unternehmen Problemlösungen und Kooperationspotenziale auf und vernetzen sie mit den Kompetenzträgern Montanuniversität Leoben, Fachhochschule Joanneum Kapfenberg, dem Materials Center Leoben und dem Polymer Competence Center Leoben.“ Durch die Entwicklung beträgt der Gesamtinvestitionsbetrag von Unternehmen aktuell eine Milliarde Euro, frohlockt man in Kapfenberg. Werderitsch: „Die Strahlkraft wirkt auch in andere Betriebe.“

 

Die Altstadt von Kapfenberg im Fokus:
Architekt Manfred Omahna vom Institut für Stadt-
und Baugeschichte an der TU Graz und
BUSINESS MONAT-Redakteurin Elke Jauk-Offner.

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