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„Wird noch heiss diskutiert werden“

Auch nach der Einigung der Regierung auf eine „Gewerbeordnung neu“ erwartet Hermann Talowski, Obmann der Sparte Gewerbe und Handwerk, noch kein Ende der aufgeflammten Diskussion. Im großen BUSINESS-Monat-Interview bricht er eine Lanze für den „Meister“, erklärt, warum die Gewerbeordnung schon heute liberaler sei als ihr Ruf und geißelt die unternehmensfeindliche Bürokratie.

Text: Wolfgang Schober, Fotos: Oliver Wolf

 

Nach langen Diskussionen hat sich die Regierung auf eine Reform der Gewerbe­ordnung geeinigt. Ein Vorschlag, der manchen Kritikern zu wenig weit geht. Ihre Bewertung?

Die Regierung hat sich noch auf gar nichts geeinigt, sondern einen vorläufigen Kompromiss präsentiert. Eines steht aber fest: Dieser Begutachtungsentwurf wird noch heiß diskutiert werden! Und es wird wohl auch noch zahlreiche Änderungen geben. Das Einzige, was man aus heutiger Sicht verlässlich sagen kann, ist, dass der Entscheidungsprozess am Laufen ist. Nichts ist in Stein gemeißelt, schon gar nicht ein Entwurf.

Grundsätzlich gefragt: Wozu braucht es überhaupt reglementierte Gewerbe? Könnte man nicht – von gewissen Ausnahmen wie „Gefahr für Leib und Leben“ abgesehen – das marktwirtschaftliche Prinzip „Nur Qualität setzt sich durch“ walten lassen?

Damit eine Gesellschaft funktioniert, braucht es Spielregeln. Das ist im Sport so wie in der Wirtschaft. Nur ein gutes Regelwerk kann einen fairen Wettbewerb zwischen Unternehmen sicherstellen – das schafft die Gewerbeordnung. Daran hängt auch das Berufsbild und damit die Qualifikation, die ohne entsprechendes Berufsbild nicht aufrechtzuerhalten ist. Denn es braucht Meister, um Lehrlinge aus­zubilden. Schließlich wollen wir qualifizierte Fachkräfte und nicht qualifizierte Hilfskräfte. Letztlich geht es auch um die Sicherheit des Konsumenten, der sich auf hohe Qualitätsstandards verlassen können muss.

„Wir haben bereits eine über weite Strecken moderne Gewerbeordnung.“ Hermann Talowski Obmann Sparte Gewerbe und Handwerk

Kritiker meinen, die Gewerbeordnung schaffe Zugangsbarrieren, die Jungunternehmern den Markteintritt erschweren.

Dem ist klar zu widersprechen. Denn selbstständig werden ist hierzulande nicht das Problem, selbstständig zu bleiben aufgrund der hohen Belastungen aber schon viel mehr. Nur ein kleiner Teil der Gewerbe ist reglementiert. 400 freien Gewerben, die völlig frei zugänglich sind, stehen 82 Gewerbe gegenüber, für die es einen Qualifikationsnachweis braucht. Dieser kann auf unterschiedliche Arten erbracht werden. Das kann die Meister- oder Befähigungsprüfung sein, aber genauso zählt jedweder Nachweis der Qualifikation – egal, auf welche Weise man diese erworben hat. Man muss sie nur im Rahmen einer Prüfung nachweisen können. Damit stehen viele Wege in die Selbstständigkeit offen. Es ist ein Mythos, dass die Gewerbeordnung den Zugang zu einem Gewerbe behindert. Sie war schon bisher weit liberaler als ihr Ruf.

Wo soll Ihrer Ansicht nach die Grenze verlaufen zwischen freien und reglementierten Gewerben?

Grundsätzlich bin ich dafür, alles zu evaluieren und zu prüfen, ob die Regelungen im Einzelnen noch zeitgemäß sind. Gleichzeitig sehe ich einige Parameter, die für die Reglementierung eines Gewerbes sprechen. Und zwar alle Fälle, wo Leib und Leben der Kunden oder auch der Mitarbeiter auf dem Spiel stehen, wo Eigentum und Vermögen gefährdet sind und wo die Sicherheit der Konsumenten bedroht ist. Und schließlich sollten alle Bereiche reglementiert sein, in denen das duale Ausbildungssystem Schaden nehmen würde. Ein Beispiel aus Deutschland: Dort wurde das Gewerbe der Fliesenleger vor zehn Jahren freigegeben. Die Zahl der Betriebe stieg zwar von 20.000 auf 75.000, gleichzeitig ist die Zahl der Lehrlinge um 50 Prozent eingebrochen. Ein Beispiel, das zu denken gibt.

„Selbstständig werden ist nicht das Problem, es zu bleiben schon eher.“ Hermann Talowski

Die Lehrlingszahlen gehen auch hierzulande zurück – aufgrund des demografischen Wandels.

Völlig richtig. Die Demografie ist Herausforderung genug, eine Liberalisierung würde die negative Entwicklung noch zusätzlich beschleunigen. Es ist ganz klar: Wenn das Berufsbild erodiert, verwässert auch die Qualifikation nach und nach. Und das wäre mehr als bedenklich.

Im Zuge der Debatte wurde auch die Einführung eines „Einheitsgewerbes“ diskutiert. Was spräche dagegen, mit einem Gewerbe­schein alle freien Gewerbe ausüben zu dürfen?

Grundsätzlich sollte man über alles nachdenken dürfen und für Verbesserungen offen sein. Ob in dem konkreten Fall aber jemandem wirklich geholfen ist, wenn er mit einem Gewerbeschein beliebig viele Gewerbe ausüben kann, bezweifle ich. Schließlich darf man nicht vergessen, dass mit der Kammermitgliedschaft auch eine Gegenleistung verbunden ist – ein großes Angebot an Beratungs- und Serviceleistungen. Genauso gut könnte man dann auch den AK-Beitrag von 0,5 Prozent des Bruttoeinkommens in Frage stellen. Ich sehe die WK-Mitgliedschaft durchaus auch als Versicherungsleistung. Wenn alles gut läuft, komme ich vielleicht ohne das Service der Kammer aus. Ist aber Feuer am Dach, bin ich froh, die Leistungen in Anspruch nehmen zu können.

Auch die Betriebsanlagen­genehmigungen ­waren Teil des Reformpakets der Arbeitsgruppe im Wirtschafts­­ministerium. Vereinfachungen wurden angekündigt – ein Knackpunkt?

Auf jeden Fall. Es kann nicht sein, dass Investitionsvorhaben so lange verzögert werden können, bis den Investoren die Lust vergeht! Das schadet dem Standort massiv, der Industrie wie auch dem Gewerbe, das ja auch von den großen Investitionen profitiert. Eine Entbürokratisierung ist dringend geboten. Wird diese allerdings von bestimmten Politikern gefordert, frage ich mich manchmal, ob es nicht dieselben sind, die das Bürokratiemonster erst mit­erschaffen haben.

Wie sieht nun eine moderne Gewerbeordnung aus?

Wir haben bereits eine über weite Strecken moderne Gewerbeordnung! Sie erfüllt ihren Zweck, wenn sie Qualität und Qualifikation sichert, ohne die Gründung neuer Unternehmen zu behindern. Was sie meines Erachtens heute bereits leistet. Wie gesagt: Jeder 18-Jährige kann nach Bezahlung einer leistbaren Gebühr zu einer Prüfung zum Nachweis seiner Qualifikation antreten, egal, wie er zu diesem Wissen gekommen ist, und kann bei positivem Abschluss grundsätzlich sofort das Gewerbe anmelden. Nebenbei bemerkt: Über den formalen Zugang entscheidet die Behörde, nicht die Kammer! Damit ist das reglementierte Gewerbe weit weniger strikt geregelt als die Zugangsbedingungen anderer Berufe, etwa freiberuflicher Tätigkeiten wie Steuerberater, Apotheker etc. Auch ein Vergleich mit den als besonders liberal geltenden USA macht sicher: Denn dort regelt die Höhe der Versicherungsprämie den Marktzugang. Je höher die Qualifikation, desto geringer die Prämie des Betriebs und umgekehrt. Das heißt, mit hoher Prämie aufgrund geringer Qualifikation bin ich kaum wettbewerbsfähig. Einen wirklichen Schutz für den Konsumenten bietet das System dennoch nicht – da ist mir unser System lieber.

Konjunktur und Auftragslage: Wie geht es dem Handwerk und Gewerbe generell?

Die Stimmung ist besser als noch vor Jahren in Folge der Krise. Zwei Problemfelder beschäftigen allerdings fast alle Berufe gleichermaßen. Das eine ist das Lohn- und Sozialdumping, vor allem rund ums Thema Bau. Hier setzen wir große Hoffnungen in das neue Gesetz zur „Fairen Vergabe“, das nach dem Best- statt dem Billigstbieterprinzip verfährt. Eine Initiative, die ihren Ausgang von steirischen Sozialpartnern nahm. Die zweite große Herausforderung ist der demografische Wandel bzw. die Nachwuchssorgen, die sich daraus ergeben. Alle raufen bereits um die Jugend, auch unsere Betriebe bemühen sich um die besten Köpfe. Präsenz bei Berufsinformationsmessen sowie an Schulen ist für uns daher ganz wichtig.

Inwieweit sind junge Migranten ein potenzieller Pool für Fachkräftenachwuchs?

In einzelnen Fällen kommt das heute schon vor, aber man muss das realistisch sehen. Solange jemand keinen gültigen Asylstatus hat, wird ein Betrieb kaum in dessen Ausbildung investieren. Und auch sonst wird es aufgrund der geringen Vorbildung der meisten Migranten sicher nicht einfach, diese in großer Zahl zu Fachkräften heranzubilden. Erfahrungsberichte aus Deutschland lassen zumindest diesen Schluss zu und stimmen nicht sehr zuversichtlich.

Wie sehen Sie den Stellen­wert des Handwerks heute generell?

Der Stellenwert ist hoch wie eh und je. Das Handwerk ist mit seinen über 34.000 aktiven Betrieben, 110.000 Beschäftigten und rund 7.000 Lehrlingen ohnehin das Rückgrat der steirischen Wirtschaft. Zudem darf man eines nicht vergessen: Ohne Handwerk säßen wir nicht hier in diesem Raum und befänden uns in keinem sehr gepflegten Zustand. Ohne Handwerk gäbe es keine Wände, keine Möbel, keinen Boden, wir hätten keine Kleider an und wären nicht frisiert und vieles mehr. Unser modernes, zivilisiertes Leben haben wir dem Handwerk zu verdanken – es liefert dafür die Grundlagen.

Die Digitalisierung wird radikale Umbrüche bewirken und viele Geschäftsmodelle ins Wanken bringen.Das Handwerk muss sich wohl nicht fürchten, oder?

Viele Menschen haben ja noch ein etwas romantisiertes Bild vom Handwerk und stellen sich dabei Meister-Eder-Stuben mit verstaubten Geräten vor. Handwerk ist heute natürlich längst in Verbindung mit modernen Maschinen und Hightech-Ausstattung zu sehen. Die Grundlage bleibt dennoch immer das handwerkliche Geschick, zumeist maschinell unterstützt, aber selbst diese Maschinen muss irgendjemand von Hand bauen oder warten. Digitale Prozesse unterstützen Gewerbe und Handwerk heute also längst. Unser Glück ist aber tatsächlich, dass das Handwerk – im Gegensatz zu anderen Berufsbildern – von der Digitalisierung niemals ersetzt werden kann.

Sparte Gewerbe und Handwerk

Die Sparte der WK Steiermark zählt mehr als 34.000 aktive Mitglieder, knapp 10.000 davon sind Arbeitgeberbetriebe. 110.000 Beschäftigte finden darin Arbeit. Knapp 7.000 Lehrlinge – fast die Hälfte der Lehrlinge in der Steiermark – absolvieren ihre Ausbildung derzeit in einem Betrieb der Sparte Gewerbe und Handwerk. www.wko.at

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